Man mutet sich so leichtfertig anderen Menschen zu und dabei kann man sich selbst kaum ertragen …

Hallo Ihr Lieben,

diese Aussage stammt von Herman Hesse und hängt als Postkarte in meinem Flur.
Jetzt fragt ihr euch sicher, mit was für Postkarten-Lebensweisheiten kommt sie jetzt wieder um die Ecke …

Ich bin mir nicht sicher ob sich alle hier im Klaren darüber sind, was für eine Zumutung wir zuweilen für unser soziale Umfeld sind!

Da gibt es jede Menge Hobbys die weltweit auf Interesse und Zuspruch treffen und eine wirklich große Community haben.
Mein Bruder ist im Schachverein und spielt nebenbei Nächtelang Schach gegen Menschen irgendwo auf dieser Welt. Gespräche mit ihm sind toll, ich erfahre etwas über die Brisanz einer fehlerhaften Eröffnung und ähnliche spanende Dinge …
Da gibt es meinen Mann mit seiner Leidenschaft für Sport, Fußball und Hertha und dem Umstand, dass Hertha „nachweislich“ immer nur verliert, weil sich alle Schiedsrichter gegen Hertha verschworen haben ….
da gibt es Hobbyimker, Pilzfreunde, Vogelbeobachter, Entomologen …
selbst meine Laufapp hat garantiert mehr Nutzer als es Leser dieses Blogs und Steuerberateranwärter gibt!

Was glaubt ihr macht dieses super spannende Hobby mit einer Partnerschafft?
Wenn wir uns innerhalb kürzester Zeit in zutiefst verunsicherte, gestresste, unzufriedene und an uns selbst zweifelnde Menschen verwandelt? Unser Partner soll voll Begeisterung mit uns auf diese Reise gehen, es super finden, dass es keinen gemeinsamen Sport, Hobbys, Familienausflüge, Urlaub, Wochenendtrip etc. gibt und das über 1-4 Jahre?
Ein Mindestmaß an Verständnis können wir ja wohl erwarten, wenn wir Zeit, Kraft und Ersparnisse opfern um uns selbst zu verwirklichen, damit wir nach der bestandenen Prüfung mehr arbeiten können als jemals zu vor, oder weniger, weil ein höherer Stundenlohn winkt …

Oder was genau war nochmal der Grund, warum wir diese Reise angetreten sind?

Euer Partner kündigt die Reisebegleitung, weil sie zu teuer wird?
Die tatsächlichen Kosten und das liebe Geld!
Wir lieben es für unsere Hobbys und Leidenschaften Geld aus zu geben, Urlaub, Freizeitvergnügen, SKY, Netflix, Amazon, Spotify und Co kosten viel Geld und wir leisten uns permanent Dinge, die wir nicht brauchen.
(Kosmetik, Schuhe und Frisör gehört natürlich nicht in die letzte Kategorie)
Ich mutmaße mal, dass es bei den Gesprächen um die Kosten dieser Ausbildung nicht wirklich um Geld geht …

Alle Anbieter werben mit Erfolgsgeschichten und wir alle hier wissen, es gibt auch die anderen, die es beim selben Anbieter nicht geschafft haben. Warum schaffen es einige und andere nicht?
Die Prüfung ist für alle gleich, die Anbieter letztendlich auch.
Liegt es an einem unzureichenden beruflichen Kontext, zu wenig zusätzliche Klausurenkurse, die fehlenden Karteikarten, den nicht gebuchten Crashkurs, der fehlende Zusatzkurs AO?

Wenn uns diese Ausbildung eins lehrt, dann das es letztendlich nur darauf ankommt, wieviel Kraft und Zeit wir tatsächlich auf das Lernen und die Klausurentechnik verwenden …

Und da sind wir bei den tatsächlichen Kosten. Es kostet letztendlich jede Menge Zeit! Zeit in der wir nicht arbeiten und Zeit die wir nicht mit unserer Familie verbringen. Solange wir keine Familie haben spielt das nur eine untergeordnete Rolle. An Geld jedenfalls scheitert dieses Unterfangen garantiert nicht …

Was wäre, wenn diese Prüfung eigentlich zutiefst gerecht wäre, weil sie nur die bestehen lässt, die sich wirklich darauf eingelassen haben, abgesehen davon,
dass diese Prüfung natürlich total abgedreht und perfide ist.

Ließen wir diesen Gedanken zu, müssten wir dann nicht unsere Motivation hinterfragen?

Nuri schreibt, er dachte es sei nur eine Prüfung, die man mal so machen kann und es würde sich dann nett auf der Visitenkarte machen. Ich dachte auch mal so über diese Prüfung, nur das mir die Visitenkarte egal ist. Visitenkarte ist wohl so ein Männliches Ding …
Tatsächlich?
Ist das wirklich so, oder steht die Visitenkarte eigentlich für etwas andere?

Ist ja nicht so, dass Menschen die mir begegnen jemals gesagt hätten:
Du bist Buchhalterin, super, was für ein toller interessanter Job!
Hatte ich mir auch mal überlegt aber es war mir dann doch zu Anspruchsvoll, Komplex und Abwechslungsreich, deshalb bin ich lieber Arzt, Rechtsanwalt, Ingenieur, Architekt, Heilpraktiker, Lehrer, Handwerker, Journalist, Graphiker oder Beamter geworden ….

Genaugenommen wird es nicht mal wirklich als Beruf wahrgenommen. Das ändert sich auch nicht, wenn wir die Titel: Bilanzbuchhalter oder Steuerfachwirt erwerben.

Buchhaltung kann doch jeder, so wie Putzen, Kindererziehen oder Wand streichen, das ist doch kein Beruf, eher ein netter Nebenjob, deshalb auch so locker für Quereinsteiger ….
Dieses Denken ändert sich erst mit dem Titel „Steuerberater“!
Jetzt erst würden wir wahrgenommen werden mit dem was wir tun, hätten einen geachteten Beruf, weil wir über wertgeschätztes Wissen verfügen, so wie ein Arzt, Rechtsanwalt oder Elektriker …

Sind wir möglicherweise getriebene unserer eigenen Minderwertigkeitsgefühle und der Wunsch nach Optionen und beruflichen Alternativen nur zweitrangig?

Ich wollte es eigentlich vermeiden mich dieser Erkenntnis zu direkt zu stellen aber vielleicht war es notwendig um daraus nun die notwendige Motivation zu ziehen und mir die Möglichkeiten zu verschaffen! … vielleicht führt mich diese Erkenntnis aber auch weg von dieser Titelfixierung …

Lieber Nuri, wir beide sind wohl gerade nicht an dem Punkt, dass wir eine Kanzlei übernehmen wollen oder ein Jobangebot hätten für den wir zeitnah diesen Titel brauchen, aber ist dieser fehlende Zeitdruck, die fehlende konkrete Perspektive vielleicht unsere Achillesferse? Haben wir es nicht entschieden genug gewollt und alles auf eine Karte gesetzt? Natürlich gibt es noch Job, Partner, Kind und was auch immer!

Im letzten Jahr an dieser Stelle hat uns Mandy eindrucksvoll bewiesen, dass all das letztendlich keine Rolle spielt und sie hatte sogar noch Haus und Garten, mich überfordert schon in normalen Zeiten mein Balkon.

Wer immer die Zulassung zu dieser Prüfung erhält verfügt zumindest über die notwendige Intelligenz diese Prüfung zu schaffen.
Überdenkt eure Motivation, ist diese stark genug um die notwendigen Möglichkeiten zu schaffen. Ist es das wert? Ist es euch möglich und seid ihr bereit 1,5 Jahre ALLES diesem Ziel unterzuordnen? Dann werdet ihr es im ersten Versuch schaffen! Alle anderen brauchen länger und manchmal reichen die drei Versuche halt nicht aus …

Wie seht Ihr das? Habe ich etwas übersehen oder suche ich nur Ausreden für mein eigenes Scheitern? Warum wollt ihr diesen Titel?

Ich wünsche euch wie immer viel Kraft und Zeit zum Lernen

LG aus Berlin
Beate

10 Gedanken zu „Man mutet sich so leichtfertig anderen Menschen zu und dabei kann man sich selbst kaum ertragen …

  1. Hallo Beate,
    du beherschst die Worte und schreibst schön. Sehr kreativ und angenehm, diese Fähigkeit besitzen vermutlich wenige, die dhiet kommentieren/ mitlesen.

    Warum stellt man sich dieser Herausforderung. Ich denke hier ist zu Differenzieren, zwischen jenen, die jung sind und zu deren beruflichen nächsten Schritt diese Prüfung einfach gehört. Einige laufen dann noch motiviert weiter …Fachberater für internationales Steuerrecht / WP (…da geht ja noch was).

    Und dann sind da wir. Menschen, die im Leben stehen und sich denken:
    Just do it…
    wer nicht wagt…
    einmal im Berufsleben sollte man das Examen versucht haben…
    Wo liegt meine Grenze….
    Es ist unsere Persönlichkeit, kein Wunsch nach einen Titel auf einer Visitenkarte treibt uns an, wir wollen einfach nicht still stehen, uns weiter entwickeln. Es ist ein innerer persönlicher Wunsch, der über Jahre gewachsen ist und nicht einfach nur der nächste Schritt nach dem Studium

    Ich habe die Prüfung erst im nächsten Jahr vor mir. Mit Kind, Mann, Beruf und Ende 30 ist das nicht leicht. Ich werde meine Grenzen erfahre, ich werde verzweifelt sein und alles in Zweifel stellen.

    Wie es ausgeht…?! Keine Ahnung. Ich habe Respekt und freue mich zugleich. Angst habe ich nur vor AO (… ;-)…lerne zu lieben was du tust, auch wenn du gerade das tust, was du nicht liebst)

    All jene, die diese Prüfung geschrieben haben, sollten die Freude an der Sache nicht verlieren. Auch wenn die Freude sich gerade schwer zeigt. Und ich glaube, man sollte diese Prüfung nicht für Anerkennung durch Dritte schreiben. Diese Motivation lastet schwer.

    Ich arbeite in der Industrie, habe zuvor in der Beratung gearbeitet und möchte in meinen Bereich mehr Verantwortung übernehmen. Ich bin kommunikativ und glaube daran, durch klare Strukturen und steuerliche Fortbildungen im Unternehmen (insbesondere in der Buchhaltung), Abläufe zu optimieren und eine bessere Besteuerung im Bereich der Umsatzsteuer zu erhalten. Hier gibt es viel Bedarf, in vielen größeren Unternehmen.

    Ich schreibe die Prüfung, weil ich Verantwortung übernehmen möchte und an meiner Arbeit wachsen möchte. Ich habe Potenzial und mag keinen Stillstand. Darum werde ich auch morgen wieder über meinen Leserbriefen sitzen, während mein Mann und die Kinder im Kletterpark ihre Grenzen ausloten.

    Meine persönliche Meinung zum scheitern ist, dass man trotzdem etwas daraus machen sollte und auch kann. Ich werde unabhängig davon, wie meine Prüfung ausgeht, den Arbeitgeber wechseln. Denn den Zugewinn an Wissen, den auch eine gescheiterte Prüfung mit sich bringt, honoriert im alten Stall niemand. Aber ein neuer Arbeiter hat möglicherweise eine gewinnbringende Ansicht.

  2. Liebe Beate,
    ich habe dieses Jahr auch im dritten Versuch nicht abgegeben, aber bin dafür diesen Sommer reich an Erkenntnissen geworden.
    Ja, es ist nur eine Prüfung und nein, das Bestehen hängt nicht nur von Intelligenz, aber sicher von Fleiß und Ehrgeiz ab. Wenn ich die Kommentare dieses Jahr lese, frage ich mich manchmal, ob bei manchen hier außer der fachlichen Kompetenz überhaupt irgendwelche sozialen Kompetenzen vorhanden sind – über Mandanten und Kollegen sollte man wohl auch nicht wie ein Panzer drüberrollen, um letztlich auch respektiert und geschätzt zu werden.
    Auch wenn das Examen einheitlich ist, sind es die Voraussetzungen des Einzelnen nicht. Sie unterscheiden sich meiner Meinung nach u.a. durch die Vorbildung, das Alter, die finanziellen und zeitlichen Rahmenbedingungen und die persönlichen Bedingungen (Ängste, familiäre oder gesundheitliche Sorgen, Egoismus, Selbstbewusstsein, …..).
    Ziele zu haben ist natürlich sehr wichtig.
    Die Frage aber bleibt, wirst Du glücklicher, wenn Du bestanden hast oder ändert sich eigentlich nur Dein Berufsleben?
    Natürlich hast Du vergeblich viel Zeit und Energie investiert, aber was zählt die Prüfung, wenn Du irgendwann am Sterbebett liegst? Nichts. Da wirst Du vermutlich dankbar sein, dass Du einen Partner und eine Familie hast, die Dich wirklich lieben für das was Du bist und höchstens bereuen weniger Zeit mit Deinen Liebsten verbracht zu haben und nicht den Dingen nachgegangen zu sein, die Dein Leben wirklich erfüllen! Daher mach Deinen Selbstwert bitte nicht an dieser Prüfung bzw. einem Titel fest!
    Du kannst stolz auf Dich sein, es überhaupt probiert zu haben, denn wer nicht wagt, der nicht gewinnt! Und… wer kämpft, kann verlieren, wer nicht kämpft, hat schon verloren.
    Befreie Dich von Deinem Steuerkorsett, mach das, was Dir gut tut, lass die Selbstzweifel los und wenn Du wieder Motivation verspürst, kannst Du auch mit freiem Kopf und voller Elan wieder durchstarten!
    Wenn Du für Dich aber zur Erkenntnis kommst, dass Du das Ganze nicht brauchst, bleibt Dir nur die Akzeptanz, die nur in Dir selbst stattfinden kann. Jeder Mensch ist wertvoll, ob Buchhalter, Steuerberater oder eben Putzfrau – alle werden in unserer Gesellschaft gebraucht. Wenn Du als Buchhalterin zufrieden bist, kann Dir egal sein, was die anderen dazu denken, weil nur wichtig ist, dass Du zufrieden und glücklich bist. Damit bist Du dann auch schon vielen von uns voraus!

    Alles Liebe und Kopf hoch!

  3. Liebe Kathrin81,
    vielen Dank für deine Zeilen. Natürlich hast du recht,
    es gibt ganz viele Beweggründe diese Reise anzutreten.
    Es sich selbst zu beweisen, den nächsten Schritt zu gehen steht
    wahrscheinlich von vielen hier ganz oben auf der Liste …
    Diese Reise ist spannend und schön trotz der Anstrengung
    und auch ich bereue es nicht mich auf den Weg begeben zu haben.

    Es wäre schön, wenn du mich gelegentlich an deiner Reise teilhaben lassen würdest.
    Du bist noch so motiviert und fest im Glauben an dich und deine Möglichkeiten.
    Ich wünsche dir von ganzem Herzen,
    dass du diese Reise erfolgreich zu ende bringst …
    LG Beate

  4. Liebe Don’t Worry Be Happy,
    wie geht es bei dir weiter?
    Welche Erkenntnisse hast du in diesem Sommer gewonnen?
    Planst du für das nächsten Jahr einen weiteren Versuch?
    Für einige von uns ist vielleicht der Weg das Ziel …
    LG Beate
    P.S. Es gibt definitiv praxisfernere Hobbys ….

  5. Liebe Beate,

    ich bin absolut motiviert und sehe die Reise nicht als Start meiner beruflichen Laufbahn, sondern als i-Tüpfelchen.
    Ich wünsche Dir von Herzen, dass Du zu Deiner Kraft findest und es einfach nochmal versuchst. Vielleicht ohne Karteikarten? Ich habe nach meiner Ausbildung zur Steuerfachangestellten studiert und dann über verschiedenste Einsatzbereiche Wissen erworben. Karteikarten mochte ich noch nie. Gleichwohl bin ich jemand der etwas länger braucht, um steuerliche Regeln zu verinnerlichen, da ich einfach alles verstehen muss, denn Sinn einer Regel. Sonst wird das nix und ist morgen aus den Kopf…Das wiederum steht für mich im Gegensatz zur Karteikarte, denn diese bedeutet für mich, reines auswendig lernen und kurzfristig speichern.

    Ich habe für mich den perfekten Kurs bei Haas gefunden. Ich habe den Fernkurs mit Videos gebucht, dieser ist erscheint mit wirklich gut. Die Dozenten vermitten den Stoff inhaltlich zusammenhängend, die Aufgabe, die während des Kurses gelöst werden, führen mich an das Wissen heran. Ich kann jederzeit pausieren, nachlesen, markieren und das schönste: Komplexe Stellen wiederholt ansehen.
    Ich bin in der Umsatzsteuer eigentlich relativ fit, allerdings auch nur in dem Bereich, in den ich aucg arbeite (sonstige Leistungen). Komplexe Lieferungen waren bisher nicht mein beruflicher Begleiter. Der Dozent der Umsatzsteuer, Herr Holger Verch, hat eine unglaubliche Fähigkeit einen auf die Reise durch die Umsatzsteuer mitzunehmen. Die Logik, wird einen förmlich aufgedrückt. Klar, es handelt sich im ersten Schritt nur um die reine Wissensvermittlung, aber ich fühle mich gut dabei. Alles was für mich bisher ehr schwierig erschein, hat dieser Mann entzaubert und in kleinen appetitlichen Häppchen serviert. Und plötzlich ist der Binnenmarkt, Reihengeschäft und die Gegensätzlichkeit von §3 Abs. 8 und § 4 Nr. 4b so glockenklar, dass ich mich frage: wo jemals das Problem lag…
    Unabhängig davon, wie ich diese Reise bestreite, sehe ich mich als absoluter Gewinner an Wissen. Wissen, dass man allerdings verkaufen muss.

    Ich fände s schade wenn Du die letzten zwei Jahre abhakst. Versuche es erneut oder verwende Dein Wissen und setzte es für einen neuen Arbeitgeber ein. Im Übrigen ist doch die Kombi aus Buchhaltung und steuerlichen Kenntnissen in Unternehmen so gefragt, dass du schon jetzt ein Gewinner bist.

    Ich werde mich jetzt den Ausführungen von Herrn Verch zur GIG widmen, einen schönen Sonntag.
    Liebe Grüße
    Kathrin

  6. Liebe Beate,
    hatte mich hier vorher nie geäußert, aber in Deinen letzten Beiträgen die Enttäuschung rausgelesen, daher mein Beitrag heute!

    Für mich geht es weiter, nächstes Jahr starte ich einen letzten Versuch und werde definitiv abgeben und abhaken. Bin auf jeden Fall motiviert und guter Dinge. Danach bleiben noch viele Jahre für unentdeckte Hobbies und Talente. 🙂

    Habe zwischenzeitlich an allem gezweifelt bis ich gemerkt habe, dass ich für viele „Dinge“, die ich habe, mehr als dankbar sein kann, die im Trubel der letzten Jahre leider zur Selbstverständlichkeit geworden sind: Gesundheit (gerade heute), einen Partner, der erprobt alles mitmacht ohne mit der Wimper zu zucken und ein Umfeld, das immer hinter mir steht. Und, dass das Examen mich nicht zum Glück führt, sondern nur ein beruflicher Meilenstein ist bzw. sein kann.
    Mir ist das Examen wichtig, weil ich die Option zur Unabhängigkeit für mich brauche und das mehr an Wissen gerne umfangreicher anwenden möchte.

    Wir haben uns nicht umsonst noch einen Versuch aufgehoben, daher hoffe ich, dass auch Du nochmal mit Elan und ohne Selbstzweifel den Weg auf Dich nimmst und wir die Ziellinie mit der mündlichen Prüfung nehmen können.

    Ob und wann sei Dir überlassen, sei stolz auf Dich, egal wie Deine Entscheidung ausfällt!

    Liebe Grüße!!

  7. Warum habe ich mich damals der Herausforderung gestellt?
    In erster Linie, da ich beweisen wollte, das ich mehr bin als eine frischgebackene Mutter!
    Als ich mit der Vorbereitung 2012 begann, war mein Töchterlein keine 2 Jahre alt, wir waren in ein frisch renoviertes Haus gezogen und mein Mann hat mich immer bei allen unterstützt!
    Sein Spruch war: Wenn du es nicht schaffst, wer dann!
    Außerdem hatte ich das tolle Angebot meines ersten Chefs in seine Kanzlei als Nachfolgerin zu kommen. Auch er hat mich in der Zeit unterstützt und ich konnte oft nachmittags und abends in den Kanzleiräumen lernen, wenn es zu Hause zu huddelig war!
    Woran es letztendlich bei mir gescheitert ist, kann ich letztendlich nicht wirklich sagen!
    Die erste schriftliche Prüfung 2013/2014 habe ich soweit geschafft, dass ich zur mündlichen eingeladen wurde. Bestanden habe ich nicht. Begründung: ich wirkte sehr aufgeregt, so könnte man sich eine Steuerberaterin nicht vorstellen! Ich sollte nicht aufgeben, an meinem Fachwissen würde es nicht liegen! Fand ich jetzt nicht wirklich erbaulich, habe meine Krone gerichtet und noch mehr gelernt mit dem Ergebnis, daß ich die schriftliche Prüfung 2014/2015 mit 4,66 nicht bestand!
    Mit meinem Mann gesprochen, sollen wir es noch ein letztes Jahr versuchen und von ihm das Okay bekommen. Das Töchterlein wuchs heran und ich habe viele Aktivitäten im Kindergarten verpasst! Aber ich hatte ja ein Ziel und das Töchterlein freute sich immer, wenn die Mama vom Lehrgang kam und Zeit mit ihr verbrachte!
    Nach der schriftlichen Prüfung 2015/2016 wurde ich wieder zur mündlichen Prüfung eingeladen und es wurde zu meiner schlimmsten! Ich hatte das Gefühl keine Chance zu haben! Und somit wurde ich richtig abgewatscht! Ich war danach so enttäuscht, traurig und sauer, dass ich Klausureinsicht genommen habe, eine Überdenkungsverfahren habe einleiten lassen und am Ende Klage eingereicht habe!
    Mein Chef hat sich die Mühe gemacht, meine kopierten Klausuren und Musterlösungen durchzuarbeiten. Die bekommt man nämlich dann wegen Akteneinsicht zugesandt.
    Und was soll ich sagen, es wurden mir viele Punkte nicht gegeben, obwohl meine Lösung mit der Musterlösung übereinstimmte! Ich hätte in der Bilanzklausur mit einer besseren Note in die Prüfung gehen können!
    Die Zweitkorrektor hat exakt die gleichen Punkte vergeben, wie der Erstkorrektor! In allen 3 Klausuren!
    Ein Schelm ist, wer Böses denkt!
    Schade fand ich dann, dass im Überdenkungsverfahren nichts korrigiert wurde mit der Begründung: Der Prüfling hat nur 20 Seiten geschrieben. Andere schreiben in der Zeit 30 Seiten. Deswegen geben wir nicht mehr Punkte!
    Heißt auf gut Deutsch: Es kommt nicht auf die Qualität, sondern Quantität an!

    Im Klageverfahren (Gerichtstermin im Februar 2017) wurde mir auf Grund eines Formfehlers Recht gegeben und somit durfte ich im März 2018 noch einmal zur mündlichen Prüfung antreten.
    Im Vorfeld wieder gelernt bis quasi zu Umfallen. Jeden Nachmittag Kurzvorträge. Selbst meine mittlerweile 7 Jährige Tochter wurde nicht verschont und musste sich Mamas Vorträge anhören. Sie möchte nun auf keinen Fall in einem Steuerbüro arbeiten! Woran liegt das nur?

    Lange Rede, kurzer Sinn: auch diese Prüfung habe ich nicht geschafft!

    Mittlerweile, gut 2 Jahre später, muss ich sagen, finde ich es für mich nicht mehr schlimm!
    Schade um das viele Geld! Die Zeit noch nicht einmal so! Außer die fehlenden Aktivitäten mit meiner Tochter! Um so mehr genießen wir die gemeinsame Zeit nun!
    Mein Wissen kann mir keiner nehmen! Und als Steuerfachwirtin bin ich mehr als gefragt.
    Als Steuerberaterin wäre ich bestimmt nicht glücklicher!
    Ich habe den Titel nur angestrebt um mir zu Beweisen, dass ich es könnte/kann!
    Ob ich gescheitert bin?
    Mein Mann sagt immer, es ist schade, dass sie dich im Berufsstand nicht haben wollten! An dir hat es nicht gelegen!
    Und das macht mich glücklich!

  8. Liebe Tanja,
    was für ein Alptraum!
    Ich spüre in deinen Zeilen die tiefe Verletztheit und diese hilflose Wut.
    Damit klar zu kommen stelle ich mir sehr schwer vor.
    Natürlich kann dir das Wissen niemand nehmen aber wir beide wissen doch um die Hilflosigkeit dieser Aussage.
    Es zählt doch nur dieser verdammte Titel!
    Du währst als Steuerberaterin nicht glücklicher geworden? Vielleicht nicht aber möglicherweise auch nicht unglücklicher aber besser bezahlt und wertgeschätzt?
    Ich will damit nicht Salz in deine Wunde streuen, gewiss nicht!
    Es tut mir unendlich leid für dich und ich weiß gar nicht, was ich dir wünschen oder raten kann.
    Vielleicht viel Kraft für die Überwindung dieses Traumas?
    Was macht es mit dir, diesen Blog zu verfolgen?
    LG Beate

  9. Liebe Beate,
    mhm, ja, ein bisschen verletzt und wütend bin ich auch noch heute. Aber es wird von Tag zu Tag weniger. Ich muss wirklich sagen, dass wenn ich den Steuerberatertitel hätte, nicht glücklicher wäre! Die Jahre seit 2014 haben mich desillusioniert für den Berufsstand! Zum einen die menschliche Seite. Ich bin im Rahmen der mündlichen Prüfung auf Menschen getroffen, denen möchte ich nicht als Mandant, Kollege oder Mitarbeiter begegnen! Die schweben in anderen Welten!
    Zum anderen die berufliche Seite. An was man als Steuerberater alles denken muss/soll damit man nicht wegen Beratungsfehler einen Haftpflichtfall hat, empfinde ich in der Umsetzung als sehr schwierig! Ich mag noch nicht daran denken, wenn in ein paar Monaten die Insolvenzwelle losgehen wird und jeder Insolvenzverwalter alles anzweifelt. Außerdem werden die Mandanten auch immer Klagefreudiger…

    Vielleicht würde ich mit Titel mehr verdienen, müsste aber auch viel mehr arbeiten. Die Mandanten, zumindest bei uns in der Kanzlei, werden immer anspruchsvoller und erwarten 24 Stunden Betreuung. Das bin ich nicht bereit zu geben und deswegen wäre eine Selbstständigkeit für mich nicht in Frage gekommen.

    Sollen die Menschen doch denken was sie wollen, sie tun es sowieso! Sollen sie doch denken, ich war zu doof die Prüfung zu bestehen, sie wissen gar nicht, wovon sie reden!

    Ich lese hier immer wieder gerne, weil ich mich für jeden Kandidaten freue, der es schafft und trotzdem Mensch bleibt! 😉
    Wenn man nämlich so manchen Kommentar ließt, kann man manchmal nur den Kopf schütteln!
    Ich genieße jetzt wieder mein Leben!
    Und gucke Shopping Queen 👸

    Liebe Grüße
    Tanja

  10. Oh man, die Geschichte von Tanja lässt mich auch schon wieder zutiefst an diesem ach so tollen Berufsstand zweifeln. Gibt es eigentlich auch einen anderen Beruf bei dem die Leute die diesen ausüben das Wort Berufsstand auch so oft benutzen? Wenn ich das Wort schon lese wird mit oft ganz anders zumute. Was ist das für eine Begeündung „zu aufgeregt“, hallo es ist der Endgegner eines sehr langen Kampfes…

    Trotzdem danke dass du davon berichtet hast Tanja und schön dass es dir trotz allem wohl noch Spaß macht mit steuern zu arbeiten 🙂

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